Julia, 25

Leidet u.a. an Depressionen sowie an einer Zwangs-, Angst- und Essstörung



Mein Name ist Julia, ich bin 25 Jahre alt, verheiratet und führe ein gutes Leben. Mein Mann sagte mal – ohne es böse zu meinen: „Deine Lebensumstände sind ganz normal. Viel mehr noch – sie sind optimal! Aber dein Leben ist es nicht.“ Damit hat er Recht – denn ich leide seit längerem an Depressionen und Begleiterkrankungen.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es gar nicht so leicht ist, darüber zu sprechen – und wenn man es doch tut, fühlt man sich schnell abgestempelt. Damit muss Schluss sein – Schluss mit Tabu!

Aus diesem Grund habe ich das Projekt Kopfkrawalle ins Leben gerufen.

In meiner Freizeit spiele ich gerne mit unseren Hunden – aber eben auch mit vielen Gedanken. Ich mag es schlicht und trage viel Schwarz – auch unter meiner Haut. Ich wage mich ungern aus meiner Komfortzone, ich bin ein absoluter Gewohnheitstyp, ich mag geregelte Abläufe und eine feste Struktur. Ich bin eine Listen-Schreiberin, brauche einen bestimmten Rhythmus. Und Sicherheit. Kontrolle.

Ich bin ein Emotionsbolzen, näher am Wasser gebaut als es mir eigentlich lieb ist und ein ruhiger Typ. Innerlich aber ist der Teufel los. Ich mag es einfach doch denke oft komplex. Bevor ich etwas tue, wird es erst einmal in alle Richtungen durchdacht. Wichtige Entscheidungen fallen mir oft schwer. Hier brauche ich fast immer eine zweite Meinung und manchmal auch eine dritte.

Ich habe schon oft erfahren, dass Unbequemes unter den Teppich gekehrt und noch seltener an- und ausgesprochen wird. Das darf so nicht weitergehen. Meine Erkrankungen sind unbequem, ja! Aber doch vielmehr für mich als für diejenigen, denen ich davon erzähle. Es darf doch also meine Entscheidung sein, ob ich damit offen umgehe oder lieber nicht. „Lieber nicht“ – wieso denke ich so? Weil eine psychische Erkrankung ein klassisches Tabuthema ist. Das ist grundlegend falsch – denn Fühlen ist menschlich.

Wir brauchen mehr Verständnis für Erkrankte, weniger Abstempeln und „In-Schubladen-stecken“.
Psychisch krank = „irre“ = komisch? Falsch! Ich kann genauso wenig etwas für meine Erkrankungen wie jemand, der beispielsweise Migräne hat. Wir alle suchen uns das nicht aus, das ist halt wie das Leben so spielt. Aber wir alle können lernen, damit umzugehen – sowohl für uns selbst als auch in Bezug auf unsere Mitmenschen.

Ich selbst habe mich lange nicht als „krank“ gesehen. Natürlich asoziiert man hiermit sofort etwas Schlechtes – denn krank ist niemand gerne. Aber es sagt doch nichts über mich als Menschen aus. Es ist keine Schwäche. Es ist einfach nur ein Teil von mir. Punkt.

„Wie konnte es soweit kommen? Ich habe doch ein gutes Leben.“ Das habe ich tatsächlich. Ich hatte schon immer ein stabiles Umfeld, eine wunderschöne Kindheit und bin immer mit viel Liebe aufgewachsen. Ich kenne meinen Mann seit zehn Jahren, bin fast ebenso lange mit ihm zusammen, mittlerweile verheiratet und mitten in den Planungen für unser Eigenheim. Wir haben zwei wundervolle Hunde, gute Jobs, keine finanziellen Sorgen. Alles in einem: Perfekte Voraussetzungen für ein „ganz normales Leben“. Und doch sind dort die Kopfkrawalle.

Mein Zustand ist mir oft selbst ein Rätsel, wie soll ich es dann anderen erklären? Und muss ich das überhaupt? Wer kann sich schon vorstellen, wie sich das anfühlt – kaum etwas zu fühlen und dann im nächsten Moment alles auf einmal.

Ich wünsche mir, dass es endlich „normal“ wird, offen reden zu können. Dass ich mich nicht schämen oder verstecken muss. Dass man mich akzeptiert und toleriert so wie ich bin. Dass man mich nicht gleich mit anderen Augen sieht, wenn ich sage: „Ich habe psychische Erkrankungen“. Ich wünsche mir, dass die Menschen verstehen, dass es mich nicht weniger wertvoll oder weniger verlässlich macht. Ich hoffe, dass wir mit diesem Projekt etwas in den Köpfen der Menschen bewegen können.