Meine Geschichte

Hallihallo! Mein Name ist Julia, ich bin 26 Jahre alt und das hier ist meine Geschichte:

Seit einigen Jahren bin ich psychisch erkrankt. Ich habe eine Depression, eine Angst-, Zwangs- und nun auch eine Essstörung. Diagnostiziert wurde alles nach und nach im Laufe der Zeit – meine Krankheitsgeschichte beginnt allerdings schon in jungen Jahren, d.h. in meiner Kindheit. Es gab seitdem viele „Aufs und Abs“ und ein paar entscheidende Wendepunkte in meinem Leben – sowohl positiv als auch negativ. Aber von Anfang an:

Ich bin als Einzelkind in einer gut funktionierenden und wunderbaren Familie aufgewachsen. Meine Eltern haben mich mit sehr viel Liebe und Geborgenheit erzogen, es hat mir nie an etwas gefehlt und ich war ein sehr glückliches Kind. Schon immer haben wir offen über alles gesprochen – Ehrlichkeit und Respekt standen immer an erster Stelle. Natürlich gab es auch in unserer Familie Streitigkeiten und Dinge, die nicht rund gelaufen sind – allerdings nicht mehr oder weniger als in jeder anderen Familie auch. Wirklich schlimme Dinge (und solche, die „nicht für Kinder gemacht“ sind) haben meine Eltern immer von mir ferngehalten. Ich war gut in der Schule, hatte viele Freundinnen und eine rundum unbeschwerte Kindheit.

Irgendwann kam dann das erste einschneidende Erlebnis, das rückblickend wohl der Grundstein meiner psychischen Erkrankungen war. Gemeinsam mit einer damaligen Freundin war ich in einem „Kinderland“ in einem namhaften Möbelhaus – wir vertrieben uns die Zeit im Bällebad, während unsere Eltern einkauften. Wir waren nicht das erste Mal dort und haben es immer geliebt, ja regelrecht darauf hingefiebert. An diesem Tag waren wir plötzlich alleine. Alleine mit einem Mann, der eigentlich auf uns hätte aufpassen sollen. Stattdessen hat er sich an uns vergriffen. Eine nach der Anderen hat er uns zu sich gerufen und uns sexuell missbraucht. Ich erinnere mich an jedes seiner Worte, an sein zynisches „Nicht gucken!“ als er meine Freundin holte, an sein widerwärtiges Grinsen, an seine abartigen Blicke. Er maßregelte uns und verbot uns, mit unseren Eltern darüber zu sprechen oder nur ein einziges Wort gegenüber jemandem darüber zu verlieren. Meine Freundin war zutiefst eingeschüchtert und wollte sich daran halten – aber ich hatte ja gelernt, dass wir immer offen und ehrlich über alles reden. Ich hatte nie Geheimnisse vor meinen Eltern und wusste, dass ich immer mit allem zu ihnen kommen konnte. Natürlich habe ich mich also nicht daran gehalten, was der böse Mann von uns verlangte – und einige Tage später vertraute ich mich meinen Eltern an, während ich gebadet wurde. Alles nahm dann seinen Lauf, meine Eltern informierten die Polizei, es ging vor Gericht und es gab eine abartig milde Strafe. Der Täter kam wirklich gut dabei weg, er lebte sein Leben weiter – und wir mussten das auch. So traurig das klingt: Mehr kann man leider nicht machen. Ich habe das alles gut verarbeiten können – zumindest dachte ich das – und lange Zeit lang spielte dieses Erlebnis keine große Rolle mehr für mich.

Das Leben ging weiter, es folgten noch viele schöne aber auch schwere Erlebnisse. Kurz nach der Tat, als ich sechs Jahre alt war, ist mein Onkel verstorben – sein Tod hat ein riesiges Loch in unsere Familie gerissen. Ich hatte immer eine sehr enge Bindung zu ihm und sein Verlust hat uns alle schwer gezeichnet. Vor allem meiner Mama hat es wirklich den Boden unter den Füßen weggerissen. Danach hat sich in unserer Familie einiges geändert – leider nicht zum Positiven. Kontakte sind abgerissen, es gab viele Streitpunkte, Ungereimtheiten usw. usf. Traurig aber wahr. Meine Kernfamilie allerdings hat immer zusammengehalten.

Die Jahre vergingen und die größte Last, die ich kontinuierlich mit mir rumschleppte, war mein Übergewicht. Ich war schon immer die „Dicke“, die geärgert und auch mal gehänselt wurde. Ich war nie die Beliebteste, hatte zwar wie gesagt viele Freundinnen, gute Noten etc. aber gehörte nie zu denen, die man irgendwie grundsätzlich mochte. Wenn du in die Pubertät kommst und dich mehr mit dir und deinem Körper beschäftigst, dann tun das auch die Anderen. Die Blicke werden kritischer, man urteilt und beobachtet. Man lästert, man demütigt. Ich habe oft versucht abzunehmen aber wie es halt so ist, kommen die Pfunde wieder schneller drauf als man gucken kann.

Als ich ungefähr 14 war begann eine sehr schwere Zeit für mich. Aus heutiger Sicht hatte ich definitiv die falschen Freunde aber damals war mir das noch nicht (sofort) bewusst. Alles bisher erlebte, mein Selbsthass, falsche Kontakte und ein paar andere Dinge führten dazu, dass es mir immer schlechter ging. Es gab einen sehr großen Bruch in meinem Freundeskreis, ich wurde verstoßen und es wurden Leute auf mich gehetzt. Letztendlich hatte ich nicht nur Selbstmordgedanken sondern habe auch ein paar Mal aktiv versucht, mir das Leben zu nehmen. Ich bin einfach über befahrene Straßen gelaufen, habe mich selbst verletzt und auch mal Tabletten geschluckt. Es war eine sehr bedrückende und schwere Zeit und ich war fest entschlossen, mein Leben zu beenden. Erst heute weiß ich, was ich meinen Eltern damit eigentlich angetan habe. Geendet hat das alles dann, als ich mein erstes Tattoo bekam. Diese Kunst hat mich schon immer fasziniert und so entschieden meine Eltern, dass wir uns gemeinsam ein Familientattoo stechen und somit ein Zeichen setzen sollten. Ich versprach ihnen weiterzumachen und keine Suizidversuche mehr zu unternehmen. Man könnte meinen die Kuh war vom Eis – aber die Gefühle in mir blieben.

Als ich 15 war lernte ich dann unverhofft meinen Mann kennen. Ich hatte weder an ihm noch an einer Beziehung Interesse, denn ich war bereits einige Male schwer enttäuscht und verletzt worden. Das Schicksal aber hatte Pläne für uns – und so begann für mich ein neues Leben. Mein Mann ließ nicht locker, er hat um mich gekämpft und mich schließlich auch für sich gewonnen. Ich kann definitiv sagen: Er hat mich gerettet. Suizidgedanken habe ich seitdem nicht mehr. Heute sind wir schon über zehn Jahre ein Paar und man könnte sagen wir sind zusammen groß geworden. Wir haben unsere Realschulabschlüsse zusammen gemacht, unseren Führerschein, unser Abitur, unsere Ausbildungen, sind irgendwann in unsere erste gemeinsame Wohnung gezogen, haben unseren jeweils ersten Job angetreten und alle kleinen und großen Meilensteine zusammen erlebt, die man in diesem Alter so erleben kann.

Als ich mitten in den Vorbereitungen für meine Abitur-Prüfungen steckte, ist dann mein Opa an Krebs verstorben. Ich bin der festen Überzeugung, dass ich das nie wirklich verarbeitet habe.

Meine Ausbildung war nicht besonders gut – auch wenn ich sie mit der Note 1 abgeschlossen habe. Mein sog. Ausbilder war ein richtiger Tyrann und ein Unmensch wie er im Buche steht, psychische Gewalt war an der Tagesordnung.
Hinzu kam, dass ich immer schon sehr hohe Ansprüche an mich selbst hatte und dadurch immer schon unter enormem Druck stand. Leider bin ich die geborene Perfektionistin.

Ende 2018 kam erneut ein kleiner Schicksalsschlag und damit mein persönlicher Klick-Moment. Ich war auf dem Weg zu Arbeit, als mein unaufmerksamer Hintermann mir ungebremst aufs Auto auffuhr und mein geliebtes erstes eigenes Auto zu einem Totalschaden schrottete. Mit diesem großen Knall tat sich auch innerlich viel bei mir. Alles, was sich die Jahre über in mir aufgestaut hatte, alles was immer weiter wuchs – die Ängste, die Zwänge, die Trauer, die Verzweiflung – alles brach immer öfter und immer mehr aus mir heraus. Es häufte sich ins Unermessliche und die folgenden Monate waren der blanke Horror. Irgendwann saß ich weinend bei uns am Küchentisch und sagte zu meinem Mann: „Ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr. Ich möchte so nicht weitermachen.“

Im Mai 2019 setzte ich den Startschuss und nahm mit einer Ernährungsumstellung und Sport ganze 34 kg ab. Außerdem entschied ich mich, wieder eine Therapie zu machen (in meiner Jugend hatte ich bereits ein paar Sitzungen bei einer Kinder- und Jugendpsychologin wahrgenommen). So weit so gut.

Im Juli des gleichen Jahres ging mein größter Traum in Erfüllung: Im Eiffelturm in Paris machte mein Mann mir einen bilderbuchhaften Heiratsantrag, auf den ich schon so lange gewartet hatte. Ich war plötzlich wie beflügelt, hatte gute Abnehmerfolge, fand Spaß an Sport und Bewegung, war glücklicher als nie zuvor – und bekam dann den nächsten Schlag ins Gesicht. Durch einen geschädigten Nerv im Bein bekam ich eine Lähmung im Fuß und mein heißgeliebter Radsport war vorerst nicht mehr machbar. Was mir blieb war die Ernährung und das akribische Abwiegen und Kalorienzählen. Meine Therapie wollte ich zwischenzeitlich schon pausieren – denn ich hatte wirklich das Gefühl, dass ich über den Berg bin.

Dann kam die Pandemie und hat mir in vielerlei Hinsicht den Boden unter den Füßen weggerissen. Unsere Hochzeit – unser allergrößter Traum – stand plötzlich auf der Kippe. Alles drohte zu zerplatzen – alles, was wir monatelang mit so viel Liebe, Zeit und Hingabe geplant hatten war gefährdet. Jeden Tag habe ich geweint. Ich konnte nicht mehr schlafen, konnte kaum an etwas Anderes denken.
Dazu kam die Sorge um unsere Familie. Bleiben alle gesund? Wie schaffen wir das alles? Was wir noch passieren? Wie wird es weitergehen? Wie gefährlich ist das alles? Diese ganze Ungewissheit hat mich komplett fertig gemacht.

Unsere freie Trauung konnte tatsächlich nicht stattfinden und die standesamtliche mussten wir mit vielen Abstrichen und Kompromissen feiern. Trotz dessen war es der schönste Tag meines Lebens – denn ich habe schließlich die Liebe meines Lebens geheiratet. Dennoch ist die traurige Wahrheit: Nach diesem Tag bin ich abgestürzt.

Der Terror in mir wuchs. Meine Ängste wurden größer, mächtiger, häufiger. Meine Zwänge nahmen zu. Meine Depression verschlimmerte sich. Und ich bin langsam aber sicher in eine Essstörung gerutscht, gelte mittlerweile als anorektisch.

Anfangs konnte ich das alles noch irgendwie stemmen – ich habe meinen Alltag gelebt, bin zur Arbeit gegangen und mir meistens nichts anmerken lassen. Viele Jahre lang hat niemand etwas von meinen Erkrankungen mitbekommen und ich war für die Meisten immer die taffe junge Frau.

Irgendwann konnte ich dem nicht mehr standhalten. Ich brach immer häufiger zusammen, verlor die Kontrolle über mich selbst und schaffte es nicht mehr, meinen Verpflichtungen ordnungsgemäß und guten Gewissens nachzukommen. Ich begann offener damit umzugehen und sprach meine Erkrankungen im Freundes- und Bekanntenkreis ehrlich an, wenn es notwendig war – denn es gab immer mehr Dinge, die ich einfach nicht mehr schaffte.

Wie das Leben so ist habe ich dadurch nicht nur gewonnen – meistens fühlt es sich sogar eher nach dem Gegenteil an. Menschen haben mir den Rücken zugekehrt und ließen mich fallen, nur weil ich nicht mehr funktioniere. Man betrachtete mich mit anderen Augen und distanzierte sich von mir. Ich erkannte immer mehr, wer wirklich zu und hinter mir steht und welche Beziehungen mehr Schein als Sein waren. Ich musste einsehen, dass ich den Großteil meines Lebens mit falschen Menschen verbracht habe und dass mein Freundeskreis merklich kleiner ist, als ich es bisher angenommen hatte. Zum Glück gibt es natürlich auch Ausnahmen: Meine Familie steht immer hinter mir. Ich bekomme die beste Unterstützung, die ich mir wünschen könnte.


Wie sieht mein Leben jetzt aus?

Seit einigen Monaten bin ich arbeitsunfähig. Ich kann kaum das Haus verlassen und wenn ich es dann doch tue und wieder Heim komme, muss ich mich akribisch waschen und schrubben und alles desinfizieren. Ich habe Angst vor Keimen, Bakterien und Krankheiten. Ich habe Angst, dass etwas Schlimmes passiert und ich vielleicht noch daran Schuld bin. Ich habe ein übermäßiges Bedürfnis nach Sicherheit und Kontrolle. Von einem normalen Alltag bin ich meilenweit entfernt, denn diese Ängste und Zwänge bestimmen mein Leben.

Ich habe Albträume, Panikattacken, bin innerlich nur noch unruhig. Ich spüre einen unheimlichen Druck in mir, komme kaum noch zur Ruhe, bin eigentlich immer nur am nachdenken, am grübeln, mache mir Sorgen um alles und jeden. Ich habe schlimme Verlustängste und kann schlecht alleine sein.

Es gibt Tage, an denen ich nur weine und dann gibt es welche, an denen ich gar nicht mehr weinen kann. Ich bin antriebslos, erschöpft und müde von allem. Ich entfremde mich immer mehr vom Leben und auch von mir – manchmal erkenne ich mich selbst kaum wieder. Selten empfinde ich so etwas wie aufrichtige Freude, ich sehe kaum noch Bedeutung in irgendwas. Meistens fühle ich kaum noch etwas – und dann wieder alles auf einmal. Alles kostet mich unheimliche Kraft – selbst Kleinigkeiten sind eine riesige Herausforderung für mich. Jeden Morgen hoffe ich, dass ich den Tag irgendwie und vor allem schnell hinter mich bringen kann. Ich fühle mich verloren. Zerrissen und ausgebrannt. Einfach leer. Ich habe lebensmüde Gedanken – an Suizid denke ich jedoch nicht mehr. Die Liste könnte ich noch ewig so weiterführen.

Meine Erkrankungen sind wie ein innerer Tyrann – ein kleiner Machthaber, der mich steuert und macht, was er will. Es fühlt sich an wie ein riesiges schwarzes Loch, in das ich immer weiter hineingezogen werde und mir wird immer mehr bewusst, dass meine Probleme viel größer sind, als ich es manchmal glaube und vielleicht wahrhaben möchte. Man könnte sagen: Ich kämpfe jeden Tag um und für mein Leben.

Was mir Hoffnung gibt und den Mut weiterzumachen, das ist meine Familie. In erster Linie mein Mann, meine Eltern und unsere Hunde. Sie sind mein allergrößter Halt und alles, was mir im Leben noch wirklich wichtig ist.

Seit ca. 1,5 Jahren bin ich medikamentös eingestellt und habe dadurch zumindest eine kleine Besserung. In mir aber brodelt es weiter. Ich merke, dass meine Gefühle etwas unterdrückt – aber lange nicht beseitigt sind. Ich bin nach wie vor in Therapie und habe nun auch endlich den richtigen Therapeuten für mich gefunden.

Außerdem führe ich bei Instagram eine Art Online-Tagebuch und möchte unter dem Namen Kopfkrawalle auf psychische Erkrankungen aufmerksam machen und entstigmatisieren.
Mein Wunsch ist es, dass wir irgendwann offener über unsere Psyche reden können und dass man sich als Betroffene:r nicht mehr schämen muss, wenn man erkrankt ist. Wir sind keine Menschen zweiter Klasse und wir sind nicht weniger wert!

An allen Ecken und Enden fehlt es an Aufklärung, an Toleranz und auch an Unterstützung! Man wird degradiert, ausgegrenzt und verstoßen, wenn man psychisch erkrankt ist – das muss einfach ein Ende haben. Mit meinem Account versuche ich einen kleinen Teil dazu beizutragen. Wir sind keine „Psychos“, wir sind nicht „irre“ oder „komisch“! Wir sind nicht „anders“ – zumindest nicht mehr als jede:r Andere auch.

Ich möchte meine Stimme und meine Erfahrungen als Betroffene nutzen und anderen Menschen Mut machen und das Gefühl geben, dass sie nicht alleine sind – auch wenn es sich meistens so anfühlt. Wir sind sehr viele.

Schäme dich nicht, zu deinen Erkrankungen zu stehen. Du bist wertvoll – egal was du durchmachst. Es gibt
Hilfen und niemand sollte da alleine durch. Sei mutig und traue dich diese Hilfe anzunehmen! Bleib stark und pass auf dich auf!